Dynamische Wandkletterei und tricky Eisglasuren

Hochmotiviert und mit viel Selbstvertrauen steige ich ein. Die Bewegungen sind rund. Nach einigen Metern eine Ruheposition. Schnell bin ich heute erholt. Fokussiert nehme ich die nächsten Griffe und Tritte. Zug um Zug komme ich dem Ziel näher. Ein letzter schwieriger Zug, dann ein guter Griff. Kurze Entspannung, dann nochmals volle Konzentration für die letzten Meter. Geschafft. Meine erste 8a.

Lange habe ich im letzten Jahr an dieser einen Route gearbeitet. Habe mir fast die Zähne ausgebissen. Gekämpft und es doch nie geschafft. Etliche Male knapp gescheitert. Schlussendlich das Fazit: Praktisch an jedem schwierigen Zug bin ich mindestens einmal gestürzt. Es bringt nichts, ich schliesse mit der Route ab. Sie verschwindet für einige Zeit aus meinen Gedanken. Nun ein Jahr später sieht alles ganz anders aus. Irgendwie, so scheint es, kann ich es nicht lassen, es doch noch einmal zu versuchen. Diesmal passt alles. Ich kann auf viele schöne Klettermeter in diesem Frühling zurückblicken. Die Freude am Klettern überwiegt, ich setze mich nicht selbst unter Druck, kann den Schwierigkeitsgrad und die negativen Erlebnisse früherer Versuche ausblenden.

Lange habe ich mir ausgemalt, wie ich mich freuen würde, einmal in diesem Grad klettern zu können. Warum habe ich mir dann genau diese Route ausgesucht, frage ich mich heute. Ich hätte mir eine Route aussuchen können, die mehr meinem Kletterstil entsprochen hätte. Schliesslich waren es aber die tollen Bewegungen, welche mich faszinierten und mir immer wieder Spass bereiteten. Anziehend waren aber auch die Fortschritte. Aus Einzelzügen wurden zuerst kürzere Sequenzen, dann immer deren längere. Dann die vielen Fehlversuche, ich renne gegen eine Wand, oder eben doch gegen eine Zahl mit einem Buchstaben. Schliesslich funktioniert es für mich durch das Loslösen davon. Eine Erkenntnis, die ich hoffentlich nicht so schnell vergessen werde.

Das Wetter an diesem Tag war wechselhaft, die Temperaturen eher kühl. Schon seit einigen Monaten verhält sich die Wetterlage nun in diesem Rahmen. Eigentlich ein idealer Kletterfrühling. Es scheint sich jetzt jedoch plötzlich ein mehrtägiges Schönwetterfenster anzubahnen.  Schnell bin ich motiviert, als mich Nicu fragt, ob ich einige Tage Zeit hätte zum Bergsteigen. Kurzer SMS-Verkehr und wir sind uns schnell einig: Chamonix? – Jorasses? – Route? – spontan entscheiden. Nach fünfeinhalb Stunden im Auto, Nicu steigt in Visp dazu, erreichen wir Chamonix. Wir haben uns auf die Route „Colton-MacIntyre“ geeinigt, verdrücken noch einen mastigen Burger und packen unsere Rucksäcke. Am Abend erreichen wir die gemütliche Leschaux-Hütte, geniessen bald ein gutes Nachtessen auf der sonnigen Terrasse. Eine wunderbare Kulisse gibt es hier in der Abendsonne zu bestaunen. Die imposante Nordwand der Grandes Jorasses und die gewaltigen Eismassen des Mér de Glace vor den wilden Zacken der Aiguilles des Chamonix.

23:50 Uhr, das war mein Wecker. 23:55 Uhr, das war der seine. Zwanzig Minuten später sind wir bereit und steigen über die Leitern auf den Gletscher hinunter. Ich tappe im Dunkeln auf dem Gletscher hinterher, verfehle immer wieder die Spur. So geht’s, wenn die Stirnlampe im Auto liegen bleibt. Es wird eine Weile dauern bis es heller wird. Der Gletscher liegt unter uns, die Bergschründe sind bald überwunden, ebenso das erste grosse Eisfeld. Es dämmert. Über einen Eisschlauch erreichen wir das zweite Eisfeld. Nach diesem gibt es zwei Möglichkeiten. Die Originalroute weist hier heute kein Eis auf, also schlagen wir die schwierigere Alexis-Variante ein. Ein schmaler, steiler Eisstreifen. Die ersten Meter komme ich gut voran, dann wird es deutlich schwieriger. Ich werde langsamer. Das Eis ist dünn. Der Fels nebenan bietet kaum Möglichkeiten um einen Zacken meiner Steigeisen zu platzieren. Die Eisschrauben gehen mir aus. Haben wir die Schrauben doch ein bisschen knapp berechnet? Ich klettere retour um mir von weiter unten wieder eine Schraube zu holen. Dieses Spiel muss ich noch einige Male wiederholen.  Es dauert ein Weilchen bis ich endlich nach knapp fünfzig Metern einen Standplatz errichte. Bald nehmen wir das Felsmaterial aus dem Rucksack, wir begeben uns langsam ins Mixed-Gelände. Schöne Kletterei führt uns zuerst gerade hoch, dann schräg nach rechts zurück aufs dritte Eisfeld. Vor uns liegt die berüchtigte Gipfelwand. Wir folgen dem logischen, leichtesten Weg nach oben. Wir finden die Route auf Anhieb. Schöne Mixed- und Felskletterei führt uns hinauf Richtung Ausstieg des Walker-Pfeilers und über diese letzten Meter zum Gipfel der Pointe Walker. Die Freude ist verhalten, es wartet ein langer und anstrengender Abstieg auf uns. Einundzwanzig Stunden nach unserem Aufbruch in der Hütte sind wir im italienischen Val Ferret angekommen. Nach einer warmen Dusche fallen wir müde ins nächstbeste Hotelbett.

Eine grandiose Tour. Mein Programm lautet nun Packen, nächster Halt Südamerika.