Es lebe die Freiheit!

Schon ein wenig müde war ich, als ich mich vorgestern Morgen zuhause vor meinen Laptop gesetzt habe. So einiges an Büroarbeit hat sich in den letzten Wochen angehäuft. Auch diese will irgendwann erledigt sein. Sicherlich hat auch mein Körper überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Seit meiner vorzeitigen Entlassung aus der besten Armee der Welt kurz nach Jahresbeginn bin ich nun fast ununterbrochen unterwegs. Geniesse das Leben. Die zurückgewonnene Freiheit.

Ich den ersten Tagen versuche ich nochmals ein wenig an meiner Skitechnik zu arbeiten. Es folgen zwei intensive und äusserst lehrreiche Wochen in der Bergführeraspirantenausbildung. Doch dann werden endlich wieder Eisgeräte und Steigeisen geschliffen. Es gibt einiges aufzuholen diesen Winter. Irgendwie verspüre ich ein kleines Eiskletter-Defizit. Mit Mathias ziehe ich los. Unser Basecamp ist seine WG in Bern, von wo wir nun immer wieder Richtung Oberland fahren und einige tolle Eislinien klettern können. Nach einer „Reise ins Reich der Eiszwerge“ suchen wir uns in Rübezahl den Weg durch delikates Blumenkohl- und Röhreneis. Etwas zu spröde wird’s mit Temperatursturz am Folgetag, sodass wir ihn als lange Winterwanderung abhaken können. Meinen Kraftreserven den Rest geben tags darauf steile Mixedklettereien im Kiental.

Szenenwechsel. Es hat geschneit. Sörenberg, acht Uhr dreissig. Gerade noch reicht es für die erste Bahn. Die breiten Latten angeschnallt geniesse ich zusammen mit Märsu und Flöru die schönen Powderhänge. Es werden Höhenmeter gekillt bis die Oberschenkel brennen. Zuletzt eine traumhafte Abfahrt im Abendlicht zum Brienzersee. Am Abend im Kiental stösst auch Mathias wieder zu uns. Somit sind wir komplett. In dieser Aufstellung werden wir im Juli nach Pakistan reisen. Ob wir in einem kompakten 1-2-1, einem defensiven 2-1-1 oder sogar mit zwei Sturmspitzen als offensiv eingestelltes 1-1-2 auftreten werden, haben wir noch offen gelassen. Aber wir rechnen mit Granit.

Nach drei Skitouren mit unglaublichen Abfahrten sind nun auch die Beine müde. Märsu ruft die Arbeit. Zu dritt hängen wir uns nun wieder am Tschingel mit den Eisgeräten an kratzige Hooks im Fels um mit gepumpten Armen die Eiszapfen weiter oben zu erreichen. Nachdem ich mit Emi nochmals einen Tag mit Eisklettern am Tschingel verbracht habe, klettere ich zusammen mit Mathias die tolle Mixed-Linie „Bück Dich“ in Kandersteg. Ob die Erstbegeher das Rammstein-Lied kannten, fragen wir uns. Aber ums Bücken kommen wir im namensgebenden Quergang nicht herum. Die ganze Seillänge mit eingezogenem Kopf zu klettern ist so ungewohnt, dass es schon wieder lustig ist. Durch den Tunnel lande ich jetzt im Wallis und fahre am selben Abend mit Martin weiter ins Aostatal. Seelenruhig kriechen wir erst um acht Uhr aus dem Schlafsack in die beissende Kälte, finden uns damit ab den Eisfall zu klettern, der um diese Zeit noch frei ist. So staunen wir nach zweistündigem Marsch nicht schlecht, als „die Linie“ im Tal noch nicht von Eiskletterern belagert ist. Das können wir uns nicht entgehen lassen und stehen bald am Einstieg der eindrücklichen Repentance Super. Mehr als zufrieden sind wir am Abend beim Bier und lassen das Wochenende am nächsten Tag mit einem gemütlicheren Eisfall ausklingen. Können es dann doch nicht lassen in einem zweiten Anlauf eine Linie zu suchen, die uns dann doch mehr als genug fordert.

Ich sage immer, das gefährlichste am Bergsteigen ist das Autofahren nach einer Tour. So wird die Heimfahrt über den verschneiten Simplonpass für mich zur Tortur und zieht sich im Schneckentempo grausam in die Länge. Umso mehr geniesse ich einen Ruhetag zuhause. Genial, die Idee von Mathias zwei Tage im Tessin an der warmen Sonne mit Sportklettern zu verbringen. Zum Glück werden es nicht mehr, denn meine Fingerbeeren habe ich schon am ersten Tag stark lädiert. Ein Versuch am Eiger mit Jan endet im Pulverschnee, bevor mir dann mit Martin an der Breitwangfluh zwei tolle Routen mit anschliessender Pulverschneeabfahrt gelingen. Wir klettern die Route Alpha-Säule, zwei Tage später Metro, welche durch einen steilen Höhlenschacht zur abschliessenden Säule führt. Eine fantastische Tour. Daneben herrscht nebenan fast Krieg um die begehrte Crack Baby. Das ist fast schon wie beim Verkaufsstart eines neuen iPhones. Eigentlich schade.