Faszination Eigernordwand

Campingplatz Gletscherdorf in Grindelwald. Die Salewa-Community sitzt im Rahmen des Schweizer Rockshow Tourstops an einem langen Tisch und geniesst das feine Fleisch vom Grill. Dazu gibt’s ein kühles Quöllfrisch. Immer wieder schweift mein Blick ab, weg vom Teller, weg von meinen Tischnachbarn. Hoch über uns thront der Eiger im warmen Licht der letzten Sonnenstrahlen. Ein gewaltiger Berg in seiner vollen Pracht. Der Anblick weckt Erinnerungen. Ans gemütliche Sonnenbaden vor der Mitellegihütte auf dem Grat, an den Kampf mit schlechten Bedingungen im Lauper-Schild oder an die Winterbegehung der Heckmair-Route bei idealen Verhältnissen.

Beim Studieren der Nordwand an diesem Abend habe ich den Eindruck, dass in den nächsten Tagen wieder einmal gute Verhältnisse herrschen werden. Das lässt mich die nächsten Tage nicht los.Während mich mein Projekt im heimischen Klettergarten Tiefencastel schon wieder abblitzen lässt, wird aus dem Gedanken ein Entschluss. Auch Märsu ist begeistert. Und auch das Wetter scheint mitzumachen. Der Rucksack ist bald gepackt und für einmal beginnt das Wochenende schon am Freitagmittag. Baustellen und Stau auf dem Weg von Davos nach Grindelwald. Wo ich die letzte Bahn zur Kleinen Scheidegg knapp erwische. Marcel wartet schon in der Bahn. Nach einer feinen Roestizza zum Abendessen, legen wir uns hin, ohne auch nur einen Meter der Heckmair-Route zu sehen. Der Nebel macht uns einen Strich durch die Rechnung. Aber ich kenne die Route, rede ich mir jedenfalls ein. Doch damals, im Winter vor einem Jahr, lag bedeutend mehr Schnee. Vor allem der untere Wandteil mit seinen vielen Stufen und Bändern wird kaum wiederzuerkennen sein. Irgendwann um Mitternacht wache ich auf und sehe einige Sterne durch den Nebel schimmern. Die Zuversicht steigt. Kurz darauf sind wir startklar. Lange Suche. Wo ist der Einstieg, wegen der Dunkelheit und dem Nebel verlieren wir im untersten Teil der Route viel Zeit. Aber schon bald blicken wir auf ein geniales Nebelmeer hinab, welches sich auf einer Höhe von gut 2000 Metern über Meer über das ganze Land zu erstrecken scheint. Einzig das Wetterhorn zu unserer Linken ragt über die Wolken hinaus. Die Verhältnisse werden immer besser. Anfänglich waren die Felsen nass, dann waren sie von einer heimtückischen Eisglasur überzogen, welche sehr vorsichtiges Steigeisenklettern erforderten. Jetzt aber im zweiten Eisfeld treffen wir auf guten Firn, der Fels wird fortan trocken sein. So nimmt unser Klettertempo stetig zu.

Wir sind die einzigen in dieser grandiosen Umgebung. Hinter uns haben wir den berüchtigten Hinterstoisser-Quergang, über uns sind die beiden herabhängenden Spinnenbeine zu erkennen. Über das zweite Eisfeld  steigen wir so dem Todesbiwak entgegen, den Blick schon Richtung Rampe gerichtet, welche uns weit nach links aussen in die Wand führt, bevor wir über den ausgesetzten Götterquergang nach rechts in die Spinne klettern. Ab und zu sind Kuhglocken von den Weiden bei Alpiglen zu hören. Unterwegs nach oben sorgen wir dafür, dass wir auch später noch einiges zum Schmunzeln haben. Durch eine Ungeschicktheit verabschiedet sich eines meiner Eisgeräte. Glücklicherweise bleibt es auf einem Felsband fünf Meter unter mir liegen, wo ich es schnell wieder holen kann. Für immer Ciao sagen aber dann noch ein Haken, ein Schraubkarabiner, ein Express-Set und eine Eisschraube. Auch einer der vier Ovo-Sport Riegel, die ich als Proviant dabei habe, unternimmt einen Flug in die tiefe, weite Leere. Erst in den Ausstiegsrissen wärmen die ersten Sonnenstrahlen und begleiten uns auf den letzten Metern. Überwältigend und unbeschreiblich sind die letzten Schritte durch das Gipfeleisfeld auf den Gipfelgrat.

Am Abend auf der Kleinen Scheidegg, will uns eine Frau, die „Die weisse Spinne“ von Heinrich Harrer wohl auswendig kennt, zu Helden machen. Sie scheint nicht zu verstehen, dass wir einer Leidenschaft nachgehen. Unverständlich für sie, dass wir unsere Touren nicht nach der Medienwirksamkeit aussuchen. Unsere Erklärung, auch auf leichteren oder unbekannteren Routen erlebe man unvergessliche Momente in den Bergen, löst Stirnrunzeln aus. Das frustriert. Schade, vielleicht hätten wir uns doch zum Bier einladen lassen…