Komplex und lang – Vertikaler Jungfraumarathon

3h30: Es ist finster als wir mitten in der Nacht in Trümmelbach (835m) bei Lauterbrunnen starten.

Im Mondschein ragt über uns die steile Felswand des Stellifluhpfeilers in die Höhe. Die ersten Seillängen bewältigen wir im Dunkeln, bevor es langsam beginnt zu dämmern.

Viele Klettermeter später erwartet uns am Ausstieg bereits die Sonne. Mühsam geht’s nun über steile Geröllhalden und Felsschroffen weiter zur Silberhornhütte (2663m), wo wir uns eine ausgedehntere Pause und ein feines Mittagessen gönnen. Die nächste steile Felswand wartet gleich hinter der Hütte auf uns. Hier werden wir klettertechnisch nochmals richtig gefordert. Die letzten Kletterer kamen hier vor rund zehn Jahren vorbei. Diese Information entnehmen wir wenig später dem Wandbuch.

Gegen 16h nehmen wir den letzten Abschnitt in Angriff: brüchiger Fels, steile Eishänge und ein langes Stück Gletscher.

19h30: Wir sind auf dem Gipfel der 4156 Meter hohen Jungfrau. Müde, aber überglücklich. 3300 Höhenmeter in 16 Stunden, davon 23 Seillängen in anspruchsvoller Felskletterei. Die Stimmung in diesen späten Abendstunden ist grandios. Im letzten Tageslicht erreichen wir schliesslich das Jungfraujoch.

Roger: „Es war der perfekte Tag, an dem alles passte. Als erste Seilschaft kletterten David und ich den Jungfraumarathon in einem Tag. Diese einzigartige Skyline vom Talboden des Lauterbrunnentals hoch zum Gipfel der Jungfrau faszinierte mich schon seit einiger Zeit. Nach einem erfolglosen Versuch vor fünf Jahren, ging dieses Jahr am entscheidenden Tag alles auf, sodass wir uns schon nach 16 Stunden Kletterei auf dem krönenden Jungfraugipfel die Hände reichen konnten. Ein lang gehegter Traum der nun in Erfüllung gegangen ist.“
Der Jungfraumarathon wurde erstmals im Jahr 1997 von Sacha Wettstein und Andreas Leibundgut während zwei Tagen geklettert. Diese formschöne Linie entstand durch eine Kombination der Routen „Stägers Bürtblätz“ (350m, 7a+) und „Fätze und Bitze“ (300m, 7a). Nach letzterer erreicht man über den berüchtigten und langen Rotbrättgrat die Jungfrau.

Momentan ist das wohl für uns das Maximum an Länge und Komplexität einer Route, welche wir fähig sind in einem Tageslicht zu klettern.

(Roger Schäli und David Hefti)