Supercouloir

Unser Zelt steht seit einigen Minuten gut verankert am Fuss der eindrücklichen Ostseite des Mont Blanc du Tacul, wo wunderschöne Felspfeiler und lange Eiscouloirs Richtung Gipfel ziehen. Es ist später Nachmittag. Aus den momentan viel besuchten Gullys Gabarrou-Albinoni und Modica-Noury seilen die letzten Seilschaften ab. Mit dem Feldstecher beginnen wir die Wand abzusuchen, doch ausser in den beiden völlig überlaufenen Klassikern sieht es wie erwartet trocken aus. Wir blättern im Führer, schauen wieder hoch, immer noch das gleiche Bild. Eigentlich ist der Fall klar, eine dieser beiden Routen werden wir morgen klettern, wir müssten einfach früh genug einstiegen, vor der grossen Masse. Doch es fällt keine Entscheidung.

Stattdessen begeben wir uns vor dem Abendessen noch auf einen kleinen Spaziergang. Obwohl es im ganzen Gebiet wenig Eis hat und nicht viel Hoffnung besteht, steigt in mir die Spannung mit jedem Schritt. Bis wir darunter stehen. Eindrücklich steht sie da. Diese Traumlinie aus Eis. Zwischen zwei gewaltigen Granitpfeilern. Supercouloir. Schöner als auf jedem Foto, dass ich bis anhin gesehen habe.

Die Vorfreude auf den morgigen Tag ist riesig. Bald sind wir wieder beim Zelt, wo wir für den Rest des Abends mit Schneeschmelzen für Tee und Essen beschäftigt sind. Nach einer Stärkung verkriechen wir uns in unsere Schlafsäcke. 04:30 Uhr.  Nein, nicht unsere Wecker haben uns geweckt. Zwei Italiener sind redend im Anmarsch. Sie scheinen es sogar für sinnvoll zu halten neben unserem Zelt stehen zu bleiben und sich weiter zu unterhalten. Als wir eine Stunde später aus unserem warmen Nachtlager kriechen sind die beiden Vielredner immer noch da. Im Schnee hockend warten sie bis es hell ist, damit sie den Einstieg ihrer Route finden. Dann beginnen sie mit rumhüpfendem Aufwärmen. Wir zeigen ihnen wo’s langgeht und machen uns auf Richtung Supercouloir. Bald schon folgt eine nächste Begegnung im Morgengrauen, zwei Franzosen. Sie drängen sich nicht vor, lassen uns den Hang zum Einstieg hoch spuren. Zum Dank für’s Spuren wollen die beiden mit lustigen Begründungen auch noch vor uns einsteigen. Jedoch wählen sie eine andere Einstiegsvariante. Eine Weile noch hören wir ihr Gebrüll nebenan, später von weit oben sehen wir sie wieder absteigen über den Gletscher. Sie sind wohl an den ersten Felsseillängen gescheitert. Nach zögerlichem Start läuft es bei uns jedoch hervorragend. Über einige Seillängen Felskletterei in bestem Granit erreichen wir bald das Eis. Nach einer delikaten Mixedlänge folgen etliche lange Seillängen toller Eiskletterei. Die Freude am Ende des Eiscouloirs ist gross. Die Linie hat ihren Namen verdient. Das Supercouloir kann mit schöner Kletterei in grandioser Umgebung auftrumpfen und lässt wohl jedes Bergsteigerherz höher schlagen.